Abenteuer Mt. Meru...
Feuchte Nieselschwaden hängen über der Moorlandschaft, als wir uns nach einem guten Frühstück in der Momella Lodge am frühen Morgen auf den Weg machen. Vor uns liegt ein großes Ziel, das wir momentan durch den Nebel nur erahnen können: In den nächsten drei Tagen wollen wir Mt. Meru, den mit 4562 Metern dritthöchsten Berg Tanzanias, besteigen. Begleitet von unserem einheimischen Koch Winston, der sich uns schon am Tag zuvor vorgestellt hat, beginnen wir nun unsere Tour mit dem etwa halbstündigen Fußmarsch zum Momella Gate, dem Ausgangspunkt der Bergbesteigungen. Dort sollen wir unseren Führer und die Träger treffen.
An die afrikanische Gemütlichkeit haben wir uns inzwischen schon gewöhnt, deswegen sind wir keineswegs überrascht, dass die Formalitäten am Gate wesentlich mehr Zeit erfordern, als zwei Anmeldungen nach europäischen Zeitmaßstäben kosten dürften. Da auch weit und breit noch keine Spur von unseren tansanischen Begleitern zu sehen ist, bleibt uns sowieso nichts anderes übrig, als eine erzwungene Verschnaufpause von etwa eineinhalb Stunden einzulegen, die uns Winston mit Karamelbonbons versüßt, die wir, wie er überzeugt meint, schon jetzt nach dem kurzen Spaziergang nötig haben. Nach und nach trudeln unser Führer und schließlich auch die drei Träger ein, und nachdem unser weniges Gepäck und eine gewaltige Ladung an Essensvorräten in riesigen Körben auf deren Köpfen verschwunden ist, steht dem Aufbruch nichts mehr im Wege. Gibson, der Bergführer, schultert sein Gewehr, und winkt uns, ihm zu folgen.

Gleich zu Beginn ist der einige Meter breite Ngare Nanyuki zu überwinden. In Ermangelung einer richtigen Brücke balancieren wir über einen quer darüber gelegten, fußbreiten Stahlträger, was zum Glück ohne nasse Füße gelingt. Von nun an windet sich der schmale Weg eine ganze Weile durch die satten Wiesen einer leuchtend grünen, sanft ansteigenden Ebene, nur ab und zu unterbrochen von ein und demselben Bach, über den wir gut vier Mal springen müssen. Die Träger sind längst davon gezogen, und wir kommen ins Gespräch mit Gibson, der uns erzählt, dass er hauptberuflich Parkwächter im Arusha National Parc ist, in dem wir uns die ganze Zeit befinden - wodurch sich unsere Frage nach der Notwendigkeit seines Gewehrs fast von selbst erklärt: Als Fußgänger unbewaffnet Bekanntschaft mit Löwe, Büffel oder Elefant zu machen, kann ungesunde Folgen für den Fußgänger haben...
Diese Erkenntnis erhöht natürlich ungemein die Spannung, hier unterwegs zu sein. Während der Weg sich mittlerweile auf und ab durch einen dichten Urwald schlängelt, sind wir ständig auf der Hut: hinter jedem knackenden Ast vermuten wir einen sprungbereiten Löwen, auf dessen Speiseplan heute frische Bergsteiger stehen. Wir haben die Wolken erreicht. Feuchte Luft umhüllt uns und gibt der Natur die Möglichkeit, verschwenderisch mit Grün und üppigen Blüten aufzutrumpfen.
Affen kreischen in den Wipfeln, ein paar Mal gelingt es uns sogar, einen der Krachmacher dabei zu erwischen, wie er sich geschickt von Baum zu Baum schwingt, um dann sofort wieder aus unserem Blickfeld zu verschwinden. Obwohl wir uns Mühe geben, langsam zu gehen, um unserem Körper Zeit zur Akklimation zu lassen, kommen wir allmählich ins Schwitzen, und als wir die flechtenbehangenen, knorrigen Urwaldriesen hinter uns gelassen haben, gönnen wir uns die erste Rast und den Genuss, weit hin über ein weißes Wolkenmeer zu schauen. Nun wachsen nur noch vereinzelt große Bäume, die Vegetation besteht hauptsächlich aus Wiesen, unterbrochen von nacktem Fels, und Buschwerk. Schattige Passagen werden selten, und die Sonne brennt grell vom tiefblauen Himmel. Wie zur Konkurrenz strahlt ein Meer von Fackellilien in leuchtenden Rot- und Gelbtönen. Winzige sternförmige Blumen blitzen dicht am Boden zwischen Farmwedeln hervor, und alle paar Meter glitzert ein Spinnennetz flach auf der Erde.

"Simba.", meint Gibson bedeutungsvoll, und zeigt auf den Pfotenabdruck eines Löwen auf unserem Weg. Als kurz darauf hinter einigen Büschen ein lautes Geraschel zu vernehmen und hellbraunes Fell zu sehen ist, schließen wir innerlich mit dem Leben ab. Die verschlafene Antilope, die uns zu Tode erschreckt hat, wirft nur einen kurzen Blick auf  die etwas angespannt wirkenden Menschen, und trabt dann gemächlich davon. Uns sitzt die Begegnung etwas länger in den Knochen. Wilde Tiere sind allgegenwärtig, was Kothaufen, Spuren und die ausgeblichenen Überreste vergangener Mahlzeiten uns immer wieder vor Augen führen - und das steht für einen Mitteleuropäer schließlich nicht gerade auf der Tagesordnung. Winzige Kolibris umschwirren grellorangene Blütenkelche, Pavianherden kreuzen unseren Weg.

Es gibt so viel zu sehen, dass wir fast überrascht sind, als hinter einem langgestreckten steilen Wiesenhang die Miriakamba Hut auftaucht.Die erste Tagesetappe liegt hinter uns, wir befinden uns auf 2700 Metern Höhe und haben bis morgen früh Zeit, uns zu erholen. Vom Koch mit einer Riesenportion Reis, Hühnchen, Kartoffeln, Popcorn und Gemüse versorgt, genießen wir den überwältigenden Ausblick im Abendrot. Hinter uns ragt schroff und felsig der gezackte, hufeisenförmige Kraterrand mit dem Aschenkegel vom letzten Vulkanausbruch in der Mitte in den klaren Abendhimmel, vor uns erhebt sich aus der dichten Wolkendecke der von der untergehenden Sonne rosa gefärbte Kilimanjaro in majestätischer Ruhe. Von seinem ehrfurchtgebietendem Anblick können wir uns erst trennen, als es schon dunkel und kalt und Zeit zu schlafen geworden ist. Da außer uns nur zwei weitere Bergsteiger in der Hütte genächtigt haben, wachen wir wirklich ausgeruht auf, und brechen sofort nach dem Frühstück auf. Etwa eine Stunde marschieren wir wieder durch nebelverhangenen tropischen Urwald, zwischen dessen farnbehangenen Baumgiganten man sich recht klein fühlen konnte, dann reißt der Himmel auf und präsentiert gleißenden Sonnenschein. Gleichzeitig erreichen wir eine Art Heideland. Der Bewuchs ist nun der höhenbedingten Trockenheit angepaßt. Anstatt üppiger Blütenkelche begegnen uns jetzt die unterschiedlichsten Trockenblumenarten, kleine Sterne mit gelb, zartrosa oder weiß schimmernden papierenen Blättern, und rauhes, scharfkantiges Elefantengras. Eine ganze Weile ist der Pfad gesäumt von hüfthohen Nesselpflanzen, so dass wir die nackten Arme beim Gehen hoch halten müssen, um sie nicht zu berühren. In einem kleinen Seitental entdecken wir sogar die stämmigen, über zwei Meter großen Senezien, die es eigentlich in dieser Form nur am Kilimanjaromassiv geben soll. Um die Mittagszeit gelangen wir an dem Kraterrand. Vor uns öffnet sich das weite Hufeisen des Meru, wir bestaunen die steil abfallenden Flanken aus Asche und Geröll und können auf der gegenüberliegenden Seite den Socialist Peak, unser Ziel, erkennen. Der optimale Ort für unseren Lunch: Gemütlich im Schatten liegend stärken wir uns mit Huhn, Eiern, Sandwich und Früchten.

Die Luft wird inzwischen dünner, wir spüren einen leichten Druck auf den Augen, und legen am Nachmittag immer häufiger kleine Pausen ein, um viel zu trinken und zu verschnaufen. Die letzten eineinhalb Stunden durch steiles, mit Trockengewächsen bedecktes Gelände ziehen sich scheinbar ewig. Kleine ablenkende Highlights bietet uns jedoch Gibson, der immer wieder Interessantes entdeckt und uns auf Dinge aufmerksam macht, an denen wir achtlos vorbeimarschiert wären. Am aufregendsten ist der Moment, als er sich bückt, mit den Fingern eine dunkle, nasse Stelle am Boden berührt, und nach einer Geruchsprobe feststellt, dass es sich bei den Flecken auf der Erde um noch frisches Büffelblut handelt. Er sieht uns besorgt an, wirft einen prüfenden Blick auf die Umgebung, und bedeutet uns dann, weiterzusteigen. Die Situation ist ernst. Wenn einer der mannsgroßen schwarzen Kolosse hier verletzt auf eine so kleine Gruppe Bergsteiger trifft, kann das durchaus böse enden. Angespannt und mit Herzklopfen gehen wir weiter. Nur wenige Minuten später hören wir ein dröhnendes Getrampel, das außerhalb unseres Blickfeldes rasch näherkommt. Gibson reißt blitzschnell sein Gewehr von der Schulter und entsichert es, wir lassen alles fallen und sehen uns verzweifelt nach einer Ausweichmöglichkeit um - da biegen im Schweinsgalopp zwei harmlose Träger um die Ecke, die es besonders eilig hatten, und nun herzhaft über unsere entgeisterten Gesichter lachen müssen. Wir brechen vor Erleichterung fast zusammen und ebenfalls in Gelächter aus. 

Fest steht: Langweilig wird es uns hier nicht! Die Situation gibt uns noch Gesprächsstoff, bis wir die Saddle Hut in 3500 Metern Höhe erreichen. Die beiden hierzu gehörenden Hütten liegen in einem kleinen Kessel in einer kargen und steinigen Landschaft, nur noch wenige dürre Pflanzen und Sträucher unterbrechen das einförmige Bild. Im Norden erhebt sich in nicht allzu weiter Entfernung der Nebengipfel Little Meru mit 3820 Metern Höhe. Im Westen sieht man in aller Deutlichkeit dem schmalen Grat, der den Rand des Vulkankrater ausmacht, und in einer bogenförmigen Krümmung zum Socialist Peak südwestlich von uns führt. Nachdem ich beschlossen habe, meine Kräfte zu schonen und mich für den Gipfelanstieg in der Nacht auszuruhen, brechen mein Partner Thomas und Gibson am späten Nachmittag auf, um den Little Meru zu erklimmen. Der Weg dorthin ist nicht weit, in einer knappen Stunde bewältigen die beiden den Anstieg und kommen oben in den Genuss, vor der Kulisse des angestrahlten Kilimanjaro beim Sonnenuntergang den kegelförmigen Schatten des Meru auf dem rot getönten Wolkenmeer wandern zu sehen. Ich für meinen Teil bin trotzdem dankbar für den entspannten Nachmittag, den ich mit Swahili-Sprachunterricht bei den Trägern und dem Beobachten großer Affenfamilien am gegenüberliegenden Hang ebenfalls abwechslungsreich verbracht habe. Am üppigen Abendessen haben wir schwer zu kämpfen. Durch die Höhe hält sich unser Appetit in Grenzen, trotzdem versucht uns Winston mit wiederum gigantischen Mengen an Spaghetti, Hackfleisch, Kartoffeln und gekochtem Weißkraut zu mästen. 

Möglicherweise liegt es hieran, dass mein Magen nach wenigen unruhigen Stunden Schlaf beim Aufbruch um ein Uhr nachts kräftig rebelliert, vielleicht liegt es auch an der Anspannung, ob ich den Gipfelanstieg wirklich packe. Auf jeden Fall fühle ich mich ziemlich matt, als wir im Stockfinstern im Schein unserer Stirnlampen einem schmalen, ausgewaschenen Pfad steil aufwärts folgen. Die Luft ist dünn, wir atmen schwer, und bald stellen sich hämmernde Kopfschmerzen ein. Obwohl wir Teleskopstöcke benutzen, rutschen wir auf dem unregelmäßigen Boden häufig ab. Der Untergrund besteht aus einem unberechenbaren Gemisch aus Sand, Gestein und losem Geröll und birgt viele Stolperfallen, die das Gehen vor allem bei Dunkelheit sehr mühselig und kraftraubend machen. Als wir den Rhino Point erreichen, einen markanten Zwischenpunkt in 3800 Metern Höhe, der seinen Namen von den verblichenen Nashornknochen hat, die dort einen weißen Haufen bilden, bin ich bereits müde, und meine Motivation läßt zu wünschen übrig. Nur mit großer Willensanstrengung kann ich mich davon abhalten, mit zu dem Gerippe zu legen und den Gipfel Gipfel sein zu lassen. Als wir unmittelbar nach dem Rhinopoint ein gutes Stück wieder absteigen müssen, und mir klar wird, dass das nur einen längeren Aufstieg zur Folge hat, fange ich langsam an, mich zu fragen, warum ich mir diese Schinderei überhaupt antue. Das technisch anspruchsvollste Stück des Weges liegt nun vor uns. 

Etwa eine Stunde lang kraxeln wir zum Teil auf allen Vieren auf rauhen, scharfkantigen Lavaplatten entlang, immer den gelegentlich auftauchenden grellgrün bemalten Felsmarkierungen nach. Wir sind auf dem Kraterrand von allen Seiten dem schneidenden Wind ausgesetzt. Mit vor Kälte schmerzenden Beinmuskeln bereuen wir jetzt, dass wir uns von der relativen Wärme an der Paddle Hut haben dazu verleiten lassen, keine Überhosen mitzunehmen. Durchgefroren stolpern wir langsam den Grat entlang. Der volle Mond überzieht die unwirtliche Landschaft mit weißem Schummerlicht, das Schweigen wird nur durchbrochen vom Heulen des Windes, dem metallischen Klickern von Steinen, die hüpfend  in den Abgrund stürzen, und unserem keuchenden Atem. Über uns spannt sich tiefblau ein Firmament, in dem die Sterne dicht an dicht funkeln, mehr, als ich je für möglich gehalten hätte. Doch leider fehlt uns für ausgiebiges Bewundern einfach der Nerv. Wir haben ganz andere Sorgen: Wie bringe ich meinen Fuß dazu, sich vor den anderen zu setzen, wo doch beide schon lange mit Streik drohen... Als am frühen Morgen die Dämmerung den Horizont verfärbt, legen wir eine etwas längere Rast ein und versuchen, trotz Übelkeit das grandiose Spektakel zu genießen, das sich uns bietet, als hinter der unverwechselbaren Silhouette des Kilimanjaro die Sonne in tausend Farben explodiert. 

Doch bald schon treibt uns Gibson zur Eile an, wir sind bereits spät dran. Das Tageslicht erleichtert uns das Gehen: Es wird merklich wärmer, und wir stolpern nicht mehr so oft über tückische Felsbrocken. Trotzdem scheint es uns, als kämen wir nicht vorwärts. Der grob gezackte Kraterrand vermittelt einem den Eindruck, die jeweils nächste Spitze müsse die höchste sein. Motiviert von dieser Vorstellung kämpft man sich die vermeintlich letzen Meter bis zum Gipfel - nur um dann oben festzustellen, dass die nächste Zacke doch höher ist! Aber die muss ja dann der Gipfel sein... Um neun Uhr morgens, drei Stunden später als geplant, erreichen wir dann aber doch den Sozialist Peak, und die Befriedigung, sich ins Gipfelbuch eintragen zu dürfen, entschädigt auf der Stelle für viele Strapazen. Triumphierend genießen wir den Rundblick über das Wolkenmeer und in den Krater. Ein Gipfelfoto als Erinnerung darf natürlich auch nicht fehlen. Nebel wabert aus dem Krater zu uns nach oben, als wir den Abstieg beginnen. 

Im Nachhinein empfinden wir manche Passagen als bedrohlicher, als wir sie zuvor eingeschätzt haben. An einigen Stellen ist der Grat schon sehr schmal, auf beiden Seiten geht es steil abwärts, und uns wird erst jetzt bewusst, wo wir im Dunkeln blindlings entlanggestolpert sind... Mit jedem Meter abwärts wird die Luft dicker, der steigende Sauerstoffgehalt versorgt uns mit frischer Energie, so dass wir zügig die Saddle Hut und etwa zwei Stunden später die Miriakamba Hut erreichen. Hier dürfen wir eine längere Pause einlegen, etwas essen, kurz die protestierenden Füße aus den engen Stiefeln befreien und die schlimmsten Blasen versorgen. Doch dann geht der Abstieg unvermeidlich weiter. Wir müssen heute noch zurück zur Momella Lodge, und zwar bevor die Dämmerung einsetzt, weil wir ab da verstärkt mit wilden Tieren zu rechnen hätten. Ein hartes Tagespensum: Rund tausend Höhenmeter Aufstieg und dreitausend Meter Abstieg... Wir haben das Denken abgeschaltet und phantasieren nur noch vom Büfett in der Lodge, das wir ratzekahl plündern wollen. Auf der Wiese vor dem Gate erwartet uns noch eine Herde Büffel, die da grasen und das Terrain erst räumen, als Gibson sie mit entsicherten Gewehr mit ein paar Steinen bewirft. 

Doch dann ist das Abenteuer tatsächlich ausgestanden. Wie auf rohen Eiern humpeln wir in die Lodge. Die erträumte Schlacht am Büfett fällt aufgrund von akuter Müdigkeit doch eher bescheiden aus. Wir schaffen es gerade noch, uns den Dreck der drei Tage etwas abzuwaschen, dann sinken wir unter unseren Moskitonetzen ins Bett und schlafen vierzehn Stunden. Was uns die ganze Plagerei letztendlich gebracht hat? Zunächst einmal einen höllischen Ganzkörpermuskelkater, an dem wir tagelang unsere Freude hatten. Und dann natürlich die Erinnerung an einen persönlichen Sieg und ein unvergessliches Erlebnis, das wir nie vergessen werden und mit dem wir in ein paar Jahrzehnten unsere Enkel belästigen können...
Ina F.

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